Fotografie als Praxis der Achtsamkeit

Fotografie als Praxis der Achtsamkeit
Was einem nicht alles im Wald begegnet…, Foto: BGphotoaesthetics

Achtsamkeit ist gerade in aller Munde. Das stört ein bisschen, weil diese Praxis einer Mode schon allein dadurch widerspricht, dass man sie nicht erzwingen kann, sondern lernen muss. Das Konzept der Achtsamkeit stammt aus dem Buddhismus und liegt allen Arten der Meditation zugrunde. Jedoch muss man nicht dem Buddhismus zugeneigt sein, um Achtsamkeit zu praktizieren. Denn das Loslassen vom Alltag und damit die Konzentration auf das Hier und Jetzt kann durch verschiedene Tätigkeiten begünstigt werden. So auch durch das Fotografieren.

Als besondere Form von Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment ist die Achtsamkeit meiner Meinung nach auch im Prozess des Fotografierens wiederzufinden. So kann ich es nachvollziehen, dass es sich auf das Fotografieren überträgt, wenn man eigentlich mit dem Kopf gerade ganz woanders ist.

Wer wirklich gute Fotos machen möchte, die nicht nur dokumentieren, was zu sehen ist, sondern auch den Moment in seiner Ganzheit zu fassen (versuchen), legt seine ganze Konzentration auf das, was ist bzw. was er vorfindet. Das können die besonderen Lichtverhältnisse sein, das sich bewegende Motiv oder auch die Wahl des Standpunktes, indem gewohnte Wege verlassen werden.

Ein und dasselbe Motiv, fotografiert von verschiedenen Menschen, kann bei gleichen Bedingungen auf den Betrachter dennoch ganz anders wirken. Einmal vom technischen Equipment abgesehen, ist es die aktuelle subjektive Wahrnehmung, aber auch die individuelle, bereits gemachte Erfahrung, die jeder in sein Foto unbewusst mit eingibt.

Während des Fotografierens konzentriert man sich auf diese eine Sache – unabhängig davon, in welcher Umgebung man sich gerade befindet. Ob in der Stille oder in der Landschaft – alles Störende scheint zu verschwinden. Gedanken ziehen währenddessen vorbei und man ist ganz bei sich. Das bemerke ich oft, wenn ich darüber staune, wie schnell die Zeit beim Fotografieren vorbeigeht. Man gerät in eine Art Flow – ein sehr angenehmes Gefühl, über das man sich aber erst im Nachhinein bewusst wird. So bemerkt man es in „action“ kaum. Auch nicht, dass einem vielleicht die Füße wehtun oder die Knie, weil man sich während der Fotoaktion in die lustigsten Verrenkungen begibt. Wird es einem aber bewusst, ist der Zauber auch ganz schnell vorbei. Das ist dasselbe, was man auch während einer Mediation wahrnehmen kann: Sobald man versucht, das erhabene Gefühl zu greifen, ist es verschwunden.

Auch wenn es einmal nicht so läuft wie erwartet lohnt es sich trotz allem, das zu akzeptieren und zu fotografieren was ist, ohne es zu bewerten. Mein Tipp: Geh auch mal bei schlechtem Wetter raus oder wenn du Zeit hast, an einem ganz bestimmten Tag in der Woche und schaue, was du vorfindest. Trainiere mit den vorgegebenen Verhältnissen umzugehen und sieh die Dinge in einem anderen Licht. Ich finde es ist ein bereicherndes Gefühl, das Beste aus einer Situation zu machen.Und das gilt nicht nur für die Fotografie. Insofern kann man die Fotografie ähnlich wie die Achtsamkeitsmeditation durchaus als eine Art Stressbewältigung sehen.

Wenn du dich näher für die Achtsamkeitspraxis ohne den philosophisch-religiösen Überbau interessierst, google mal nach dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Dieser gilt als Vater der modernen Achtsamkeitspraxis in den westlichen Kulturen.

In diesen Sinne wünsche ich dir nun nicht „gutes Licht“, sondern: Mach das beste aus dem vorhandenen Licht!

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